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 Die Farben des Südens

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Slow Food

Gerade im Bereich von Lebens- und Genussmitteln entsteht ein neues Verständnis für industrielle Fertigung. Im Keim lässt sich bereits von einem ganz neuen Trend sprechen: der De-­Industrialisierung. Damit einher geht die Aufwertung der Nahsinne: Riechen, Schmecken und Fühlen werden zu Orientierungsgrößen in Sachen Food.

Schneller, billiger, funktioneller, exotischer, immer und mehr: Das waren jahrzehntelang die treibenden Wünsche der Konsumenten – oder was Produzenten, Handel und Gastronomie dafür hielten. Der Boom der Fast-Food- und Convenience-Produkte, die in Relation zu den steigenden Einkommen ständig fallenden Preise, der Hype um Lebensmittel mit gesundheitlichem Extrabonus (Functional Food), die enorm gewachsene Produktvielfalt im Zuge der Globalisierung, die saisonunabhängige Verfügbarkeit von Obst und Gemüse, die rund um die Uhr und an fast jedem Ort lockenden Genussverführungen, die Demokratisierung und Banalisierung des Fleisches von der Festtagsspeise zum Alltagsessen – all das hat den Lebensmittelmarkt massiv geprägt und das Essverhalten der Menschen, ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte radikal verändert.

Ein verändertes Konsumentenbewusstsein erzeugt einen Wandel einer ganzen Branche bis hin zu den Strukturen industrieller Prozesse. Nirgends wird diese Entwicklung so deutlich wie im Lebensmittelsektor. Längst werden hier nicht mehr in erster Linie materielle Bedürfnisse befriedigt. Auch wenn Lebensmittel, Speisen und Getränke die Basis des Genusses bilden, und auch wenn die materielle, sprich physiologische Bedarfsdeckung implizit eine wichtige Rolle spielt, markiert sie doch zugleich eine unüberwindbare Grenze: Ist der Magen gefüllt, macht ein Noch-Mehr keinen Sinn.

 

Geschmack ist der Schlüssel zum Konsumenten

„Ich glaube, was ich schmecke!“ wird implizit zum neuen Wahlspruch selbstbewusster Konsumenten, mit dem sie sich gegen die permanenten Einflüsterer aus der Nahrungsmittelindustrie, die Überredungskünstler aus der Werbung und die Gesundheitsprediger der Medizin und Ökotrophologie wappnen. Anders ausgedrückt: Die Konsumenten bereichern ihre Erfahrungen und ihr spezifisches Wissen zunehmend um den Aspekt der individuellen sinnlichen Wahrnehmung und orientieren sich daran in ihrem Handeln. Genau das ist es, was den Konsum von Slow Food ausmacht und worauf der Erfolg von Slow-Food-Konzepten basiert.

In Zukunft wird die Aufwertung der direkten Sinneswahrnehmung beim Essen und Trinken sowie das rasant steigende Interesse am Geschmack noch deutlich zunehmen. Dies hat gravierende Auswirkungen auf den gesamten Genussmarkt Food:

  • Die unmittelbare Erfahrung durch die Nahsinne rückt ins Zentrum jeder individuellen Erkenntnis und wird damit auch bei der Beurteilung von Lebensmitteln und Speisen immer wichtiger.
  • Die Wiederentdeckung der Nahsinne eröffnet Wege, die Orientierungslosigkeit zu überwinden, die auch durch die Dominanz der Fernsinne (Beurteilung auf Basis von Fremderfahrung, also aufgrund gelesener oder gehörter, sich oft widersprechender Information) verstärkt wurde.
  • Der Dominanzverlust der Fernsinne schwächt auch die Interpretationskraft wissenschaftlicher und politischer Autoritäten.
  • Bewusstes, sinnliches Erleben auf allen Ebenen ist die Voraussetzung dafür, das Leben in Zukunft selbstbestimmt gestalten zu können.
  • Und das heißt in weiterer Konsequenz: Geschmack wird für Produzenten, Handel und Gastronomie zum Schlüssel für die Konsumenten.

Unübersehbar verändert sich das Genussverhalten und damit die Genusskultur. Produkte, die durch ihren ungewöhnlichen Geschmack, ihre besondere Herkunft, Herstellung und wiederbelebte Tradition oder auf andere Art eine Geschichte erzählen, wecken Verbraucherinteressen und erzeugen Identifikation. Dafür braucht es aber Geschmackskompetenz und Genussfähigkeit. Diese müssen erworben und immer wieder trainiert werden. Dazu wird Slow Food in Zukunft mehr denn je einen wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Beitrag leisten. Der Strukturwandel in Form einer De-Industrialisierung und das Streben der Konsumenten nach der Bereicherung durch neue Sinneserfahrungen werden in den kommenden Jahren die wesentlichen Treiber sein, die zu nachhaltigen – wenn auch langsamen – Veränderungen der Food-Branche beitragen.

 

Quelle: www.zukunftsinstitut.de_von Hanni Rützler

 

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