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Antigravitation: Schweben lernen

Unser Alltag besteht aus Dauerablenkung und Reizüberforderung. Das Ergebnis: Wir verlieren die eindeutige Richtung, die Gravitation. Wie gelingt es, den Flow zu finden und schweben zu lernen?

Der Morgen beginnt mit dem Blick auf das Smartphone. Bereits 60 Sekunden nach dem Aufwachen haben die allermeisten Menschen das Ding in der Hand. Von da an beginnt die Antigravitation: Es startet der Alltag aus Dauerablenkung, Reizüberforderung und multiplen Sehnsüchten. Willkommen im Zeitalter der Antigravitation.

Die meisten Menschen in Deutschland entstammen einem Zeitalter, in dem es einfacher und klarer war, sich in der Gesellschaft zu orientieren – die Richtungen waren deutlich, die Pole klar abgegrenzt. Das Allermeiste im Leben war scheinbar ordentlich geregelt. Was dann Schritt für Schritt geschah, ist im Nachhinein betrachtet atemberaubend: Die Schwerkraft dieser klaren Pole ließ nach und wurde durch eine Gemengelage an Attraktoren ersetzt – Attraktoren, die nicht eindeutig in Zeit und Raum verteilt sind. Wer dieses Schweben nicht mag, regt sich auf, geht in den Widerstand. Fordert ein Zurück zur alten Ordnung.

Die Gesellschaft als Schwebe-Labor

Als Gesellschaft fällt uns das Schweben schwer, die Antigravitation macht uns noch nicht glücklich. Denn für diesen Zustand sind wir nicht ausgebildet. Nicht durch unsere Eltern, nicht durch Schulen und auch nicht durch Unternehmen. Aus diesem Grund machen wir den Schwebezustand aktuell noch durch Gegenmaßnahmen erträglich. Der Hygge-Trend lebt davon. Ebenso die neue Zuneigung zu Schallplatten, Filterkaffee oder Oldtimern.

In der Antigravitation wird das gesamte Universum aus neuen Perspektiven sichtbar. Das öffnet Möglichkeitsräume, an die wir heute noch nicht denken.

Doch all diese Trends markieren kein Zurück: Vielmehr sind es Umwege ins Schweben. Denn das brutal Analoge verbindet uns mit der Gegenwart. Es erzeugt eine Konnektivität des Seins in der Welt. Oder wie es der Soziologe Hartmut Rosa formulieren würde: Es ermöglicht dem Individuum eine Resonanzerfahrung mit der Welt. Dies ist die zentrale Voraussetzung für den Umgang mit dem Schweben. Denn nur wer in der Gegenwart lebt, kann die Welt in diesem Momentum schätzen. Die Gravitation ist dann das Momentum – eine beglückende Erfahrung, eine intensive Begegnung mit anderen.

 

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Ein gekürzter Auszug aus dem Zukunftsreport 2018 - von Harry Gatterer
Illustration: Benedikt Eisenhardt
Quelle: zukunfstinstitut.de