Das postdigitale Zeitalter

„Digitalisierung“ ist der revolutionäre, quasi-religiöse Mythos unserer Tage. Neun Thesen zur digitalen Krise – und wie wir aus ihr herauskommen. Ein Auszug aus dem Zukunftsreport 2019. Von Matthias Horx.

Vor 20 Jahren schaltete eine unbekannte Firma namens Google ein Suchmaschinenprogramm für vernetzte Computer frei. Schon ein Jahr später erreichte es 1 Milliarde Anfragen. Seitdem hat sich die Welt – oder eher: unsere Wahrnehmung der Welt – in unfassbarer Weise verändert.

„Digitalisierung“ ist der revolutionäre, quasi-religiöse Mythos unserer Tage. Im Namen des Digitalismus, der Ideologie gewordenen Computerisierung, wird uns die ständige Umwälzung aller Verhältnisse versprochen – und angedroht. Kein Stein bleibt auf dem anderen! Das menschliche Bewusstsein wird radikal verändert! Am Ende übernimmt die Künstliche Intelligenz (KI)! Das ist das dominante Narrativ aller Zukunftskonferenzen, das Super-Mem unserer heutigen Zukunftsbilder.

Aber könnte es nicht auch ganz anders werden? Könnte es sein, dass wir uns bereits hinter dem Peak Digital befinden, dem Höhepunkt der digitalen Dynamik? Mitten in einer digitalen Revision, in der der Tanz zwischen Mensch und Maschine eine neue Drehung nimmt? In den USA spricht man bereits vom „Techlash“.

Um die neue Richtung zu bestimmen, brauchen wir einen neuen Kompass, eine nicht technikfeindliche digitale Aufklärung. Und den Abschied von der fixen Idee, dass sich die ganze Welt in Nullen und Einsen auflösen lässt.

1. Digitale Traurigkeit

Der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland wurde durch den Weltbestseller „Generation X“ berühmt – seitdem machen wir uns Gedanken über die Befindlichkeiten von X-, Y- und Z-Generationen. Seit einigen Jahren arbeitet Coupland auch als Künstler. Der inzwischen 57-Jährige produzierte eine Reihe von Schrifttafeln mit melancholischen Parolen wie „Waiting for the Singularity is Getting Dull“, „So. Much. Porn.“, oder „No Face Detected“. Besonders eine Parole brachte es zu Berühmtheit: „I Miss My Pre-Internet Brain“.

Douglas Coupland ist kein Technikfeind. Er ist mit dem Mac groß geworden und nutzt für seine Kunst ausgiebig digitale Applikationen. Aber geht es uns nicht allen manchmal so – dass wir uns im Zeitalter des Digitalen entsetzlich verloren fühlen? Was vermissen wir? Das Klappern von Schreibmaschinen und die Beschränkung auf nur drei Fernsehprogramme? 

Was Coupland mit seiner lakonischen Parole berührt, ist eine weitverbreitete Trauerarbeit. Das Vor-Internet-Hirn schien auf eine bestimmte Weise stimmiger zu funktionieren. Wir wussten besser über uns selbst Bescheid: wer wir sind, was wir sein wollten. Unsere Identität schien klarer, und die Welt verlässlicher – selbst wenn sie nie heil war. ...weiterlesen

 

Erfahren Sie im Artikel mehr über:
1. ...
2. Der Terror der Klicks
3. Atomisierung
4. Empörokratie: Wenn jeder ein Megafon hat
5. Des Kaisers digitale Kleider
6. Messeritis
7. Die Rache des Analogen
8. Der Kategorienfehler
9. Die nächste Welle
Die Ära der Postdigitalität