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KI und die Schattenseiten von Mensch-Maschine-Teams

Die neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft: Was ändert sich in einer von Künstlichen Intelligenz (KI) geprägten Welt? Ein Beitrag von Dirk Nicolas Wagner, Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University.

Seitdem sich Menschen Gedanken über KI und autonome Maschinen machen, werden davon ausgehende Gefahren für ein friedliches Zusammenleben diskutiert. Prägend war hier bereits vor Jahrzehnten der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov mit seinen noch heute viel zitierten Robotergesetzen. In der Praxis formieren sich aktuell ganz konkrete Aufgaben: von Problemen fehlender Transparenz und Erklärbarkeit autonomer Systeme über Fragen nach Biases und der Fairness von Algorithmen bis zu einem ethischen KI-Design oder dem Schutz der Privatsphäre. Hier sind bereits vielschichtige Regelwerke in Arbeit. Sie müssen mit dem rasanten technologischen Fortschritt und einer exponentiell zunehmenden Komplexität Schritt halten: Heute sind bereits mehr als drei Mal so viele Geräte wie Menschen mit dem Internet verbunden, 2025 sollen es 75 Milliarden sein – bei einer Weltbevölkerung von 8 Milliarden Menschen.

In einer von KI geprägten Welt lässt sich soziale Ordnung aber nicht einfach mit separaten Regelwerken für Menschen und Maschinen herstellen, denn menschliche und künstliche Akteure agieren meist arbeitsteilig im Team. Ein autonom fahrendes Fahrzeug, das einen tödlichen Unfall verursacht, ist im Auftrag eines Menschen unterwegs und ist von einem Unternehmen entwickelt und produziert worden, das Menschen leiten. Mensch-Maschine-Kollektive sind geprägt durch agile Teamarbeit und flexible Autonomie. Manchmal entscheidet der Mensch, ein anderes Mal die Maschine. KI trifft inzwischen eigenständig Entscheidungen mit erheblichen Auswirkungen auf menschliches Leben, unter anderem in den Bereichen Transport, Gesundheitswesen, Finanzen und öffentliche Verwaltung, etwa bei der Vergabe von Visa.

„In einer von KI geprägten Welt lässt sich soziale Ordnung nicht einfach mit separaten Regelwerken für Menschen und Maschinen herstellen, denn menschliche und künstliche Akteure agieren meist arbeitsteilig im Team.“

Die Komplexität steigt – aber nicht allein durch technischen Fortschritt, sondern vor allem durch die sich ergebenden organisatorischen, ökonomischen, (para-)militärischen und politischen Möglichkeiten: durch neue soziale Technologien, die neue Freiheitsgrade und Chancen eröffnen. Neue Freiheiten schaffen aber auch neue Probleme. Das erkannte der Philosoph Thomas Hobbes bereits 1651: In seinem „Leviathan“ schrieb er, dass in einer Welt, in der alle frei sind, ein brutaler Naturzustand eintrete, in dem der Mensch zu des Menschen Wolf werde.

Aber Hobbes war zu pessimistisch: Getragen von gutem Willen, Kultur und der Verbreitung und Vertiefung demokratischer Strukturen, konnten sich freiheitliche Gesellschaften trotz zahlreicher und massiver Rückschläge vielversprechender entwickeln als zunächst zu vermuten war. Das zeigt bis heute das komplette Spektrum im Umgang mit Bedrohungen für das menschliche und menschenwürdige Leben, von der Vermeidung atomarer Konflikte bis zur #MeToo-Debatte. Insgesamt erweist sich die Welt als zunehmend friedlich. Während von Staaten ausgeübte Gewalt rückläufig ist, nimmt von nichtstaatlichen Organisationen ausgehende Gewalt allerdings zu.

Damit stellt sich heute die Frage: Könnte KI zu einer Neuauflage von Hobbes’ Naturzustand führen? ... weiterlesen